MICHEL FISCHLER, BEA VONLANTHEN
Wild- und Honigbienen sind für die Bestäubung von landwirtschaftlichen Kulturen unerlässlich. LandwirtInnen und ImkerInnen haben im Kt. AG in einem 8-jährigen Projekt Massnahmen getestet, mit denen die Landwirtschaft bienenfreundlicher gestaltet werden kann. Bienen sind Sympathieträger, mit dem Thema wurde ein breites Spektrum an LandwirtInnen erreicht und neue Massnahmen wurden in die Praxis übernommen.
Ausgangslage
Honig- und Wildbienen erbringen als Bestäuber eine unerlässliche Dienstleistung. Die Erträge vieler Nutzpflanzen sind stark von der Bestäubung durch Bienen abhängig. Die Bestäuberleistung von Insekten in der Schweiz wird jährlich auf 341 Mio. Fr. geschätzt. Die Insektenbestände haben in den letzten Jahren stark abgenommen, 45 % der Wildbienenarten sind als gefährdet eingestuft. Die Gesundheit der Bienen hängt von verschiedenen Faktoren ab, dazu gehören der Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln (PSM), Zeitpunkt und Technik beim Schnitt von Wiesen, Verfügbarkeit von Nistangeboten für Wildbienen, Nahrungsangeboten für Honig- und Wildbienen während den Sommermonaten und die Art und Weise der imkerlichen Betreuung der Honigbienen. Ausserdem waren früher viele LandwirtInnen selber ImkerInnen und hatten ein Bewusstsein für Ihre Bienen, heute ist das nicht mehr so. Der Kontakt von ImkerInnen und LandwirtInnen ging dadurch etwas verloren und damit auch das gegenseitige Verständnis.
Ziele
Das Projekt hatte das Ziel die Lebensbedingungen der Honig- und Wildbienen in den folgenden Bereichen zu verbessern:
- Nahrungsangebot (qualitativ und quantitativ) fördern
- Mehr Nistmöglichkeiten für Wildbienen schaffen
- Den Kontakt mit PSM reduzieren
- Den Schnittzeitpunkt und -technik von Wiesen anpassen
- Das gegenseitige Verständnis zwischen LandwirtInnen und ImkerInnen fördern.
Das Projekt wurde 2016 als Ressourcenprojekt initiiert. Dies ist ein Instrument des Bundesamts für Landwirtschaft, um neue Massnahmen in der Landwirtschaft zu testen mit dem Ziel bestimmte Ressourcen zu fördern. Die Wirkung der Massnahmen auf die Bienen wurde dabei wissenschaftlich untersucht. Die Akzeptanz und Wirtschaftlichkeit der Massnahmen wurden bei den LandwirtInnen erfragt.
Massnahmen
In Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, den ImkerInnen und mit Wildbienenspezialisten wurden 18 verschiedene Massnahmen in den Bereichen «Nahrungsangebot in der blütenarmen Zeit», «Nistplätze für Wildbienen», «Reduzierter Kontakt der Bienen mit PSM», «Schnittzeitpunkt- und technik», «Gute imkerliche Praxis» und «Verständnis ImkerInnen/ LandwirtInnen» entwickelt. Teilnehmen konnten alle Landwirtschaftsbetriebe im Kt. AG.
Wirkung der Massnahmen
Für das Projekt haben sich rund 340 Betriebe angemeldet. Sie haben über die Projektlaufzeit jährlich ein Set von Grundmassnahmen erfüllt und konnten jedes Jahr eine neue Einzelmassnahme anmelden. Besonders wirkungsvolle Massnahmen sind die Massnahmen «Kleeblüte in der blütenarmen Zeit in intensivem Grünland» und «Sandhaufen».
Kleeblüte in der blütenarmen Zeit
Nach der Blüte der Obstbäume, Löwenzahn, Raps und der extensiven Wiesen gestaltet sich für die Bienen die Suche nach Pollen und Nektar im Kulturland schwierig. Klee ist eine optimale Pollen- und Nektarpflanzen für Bienen. Auf den intensiven und mittelintensiven Wiesen im Kulturland wachsen auch Mischungen aus Gras und Kleearten, dieser Klee kommt allerdings meist nicht zur Blüte, weil diese Wiesen vor der Kleeblüte geschnitten werden. Dabei wäre der Rotklee eine wichtige Blütenpflanze für viele Hummelarten und der Weissklee wichtig für Honigbienen. Die Massnahme Kleeblüte in der blütenarmen Zeit gibt ein Schnittintervall (Blühfenster) vor, dass der Weiss- und der Rotklee ab dem 15. Juni zur Blüte kommt und damit von den Bienen in den Sommermonaten während der Trachtlücke als Pollen- und Nektarquelle genutzt werden kann. Eine weitere Anforderung ist, dass die Wiesen nicht bei Bienenflug geschnitten werden, d.h. die LandwirtInnen müssen bei ihren Wiesen vor dem Schnitt prüfen, ob Bienen am Pollen- und Nektarsammeln sind. Untersuchungen vom Agroscope haben gezeigt, dass Hummelvölker bei einem höheren Angebot an blühendem Rotklee mehr Jungköniginnen grossziehen konnten. Honigbienen haben weitere Flugradien, deswegen ist es bei ihnen schwieriger denselben Trend mit dem Weissklee festzustellen. Über die Wirkung bei den Honigbienen haben Umfragen gezeigt, dass ImkerInnen im Kt. AG im Sommer weniger zufüttern und trotzdem höhere Honigerträge haben als ImkerInnen im Kt. SO. Dies könnte indirekt auf diese Massnahme zurückzuführen sein.

Die Massnahme mit der Kleeblüte wurde von 65 % der teilnehmenden LandwirtInnen umgesetzt und war bei vielen LandwirtInnen gut akzeptiert. Einzig wenn dieses 6 Wochenintervall in einer Schlechtwetterperiode abläuft, führt die Massnahme dazu, dass die Wiesen noch später, d. h. erst nach 7 oder gar 8 Wochen geerntet werden. Dadurch verliert das Grünfutter für die Nutztiere im Stall noch mehr an Futterwert. Die Massnahme wird seit 2023 im Kt. AG als regionalspezifische BFF in Ackerbauregionen weitergeführt. Es handelt sich um eine niederschwellige Massnahme. Sie ist somit nicht gleich zu setzen zu anderen Acker-BFF wie Brachen und Saum auf Ackerland, von deren Blüten- und Strukturvielfalt eine Vielzahl an Artengruppen profitieren. Weitere Informationen zur Umsetzung dieser Massnahme im Kt. AG finden Sie unter www.ag.ch/labiola > Merkblätter Labiola > Kleeblüte in Trachtlücke

Sandhaufen
Rund 50 % der Wildbienenarten nisten in offenem Boden. Für diese Artengruppe wurden Sandhaufen anlegt. Rund 670 Sandhaufen wurden im Kanton geschaffen und über die Jahre gepflegt. Die Sandhaufen wurden von Wildbienen als Nistplatz sehr gut angenommen. Als wichtig für eine hohe Besiedelung bei den Sandhaufen zeigte sich ein besonnter Standort, ein hoher Anteil an feinkörnigem ungewaschenem Sand und dass er über die Jahre regelmässig von Unkraut befreit wurde.
Besonders wirksam waren die Sandhaufen in der Nähe von blütenreichen Flächen. Die Nähe zu Brachen oder Blühstreifen in ackerbaulich geprägten Agrarlandschaften erhöhte das Vorkommen von Nestern um 70 %. Hingegen wurden weniger Nester in der Nähe von mageren extensiv genutzten Wiesen gefunden. Eine mögliche Erklärung ist, dass magere extensive Wiesen lückiger sind und mehr offene Bodenstellen aufweisen, die von bodennistenden Wildbienen als Nistplätze genutzt werden. Die Pflege der Sandhaufen – insbesondere das Jäten der Unkräuter – wurde von den LandwirtInnen als sehr zeitaufwändig empfunden. Zudem mussten die Haufen häufig ausgezäunt werden, da Hunde oder Katzen gerne darin scharrten. Die Sandhaufen werden im Programm Labiola als Kleinstrukturtyp weitergeführt und gefördert (www.ag.ch/labiola > Merkblätter Labiola > Sandhaufen).
Informationen über die weiteren Massnahmen finden Sie auf der Seite von Agripedia (Agripedia > Bienenfreundliche Landwirtschaft).
Highlights
Beim Projektstart 2016 war das Bienensterben in aller Munde. Die LandwirtInnen wussten, dass ihre Produktion von der Bestäubung der Bienen abhängig ist und waren deswegen sehr interessiert am Projekt mitzumachen oder Massnahmen umzusetzen auch ohne Projektbeteiligung. Durch die Beratung der LandwirtInnen, die wissenschaftlichen Untersuchungen im Feld und die Anlässe für das gegenseitige Verständnis zwischen ImkerInnen und LandwirtInnen hat das Projekt zu sehr vielen Begegnungen geführt. Bienen sind Sympathieträger, dafür waren LandwirtInnen, ForscherInnen und Spezialisten bereit mit Interesse und offen aufeinander zuzugehen. Hier ein paar Zitate von LandwirtInnen:
«Wir Landwirte haben alle vom Bienensterben gehört und sind besorgt, weil wir wissen, dass wir auf die Bienen angewiesen sind. Aber wir wissen nicht recht, was wir konkret für die Bienen tun können. Das Bienenprojekt kommt genau richtig, es gibt uns Ideen, die wir konkret auf unserem Betrieb umsetzen können. Manch einer von uns, würde Massnahmen auch ohne Beitrag umsetzen».
«Ich habe mir geschworen, nie eine Biodiversitätsberatung auf meinem Hof zu haben. Für die Bienen mache ich da eine Ausnahme! Bitte kommen Sie doch mal vorbei».
«Ich bin Landwirt und habe nur das Minimum an Ökoflächen. Ich mache beim Bienenprojekt nicht mit und möchte es auch nicht. Jetzt ist ein Imker vom Dorf auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht etwas Zusätzliches auf meinem Betrieb machen könnte. Bitte kommen Sie doch mal bei mir vorbei und beraten Sie mich, was ich für die Bienen tun könnte».
«Jetzt verstehe ich endlich, wofür wir Landwirte Ökoflächen anlegen sollen».
Durch die umgesetzten Massnahmen konnten die Honig- und Wildbienen in der Agrarlandschaft erfolgreich gefördert werden Das Projektteam ist zuversichtlich, dass die LandwirtInnen durch die Kommunikation und Erfahrungen im Projekt auf die Bedürfnisse der Bienen sensibilisierter sind und bei der Bewirtschaftung mehr Rücksicht auf sie nehmen. Das Projekt konnte somit einen wichtigen Beitrag zur Reduktion des Bienensterbens im Kt. AG leisten.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Projektträgerschaft Ralf Bucher, Bauernverband Aargau; Andreas König, Verband Aargauer Bienenzüchtervereine; Josef Burri und Ramona Gaggini, Kt. AG entstanden.
Kontakt
Bea Vonlanthen
Agrofutura
Stahlrain 5, 5200 Brugg
Email: vonlanthen@agrofutura.ch