Der Gelbringfalter (Lopinga achine) im Moesano: Vier Jahre Forschung zeichnen sein Verbreitungsbild neu

MARTA WASTAVINO, ISABELLA FORINI GIACALONE

Der Gelbringfalter (Lopinga achine) ist ein seltener, stark gefährdeter Tagfalter. In Graubünden ist er bisher im Moesano, d. h. im Calanca und Misox, nachgewiesen. Von 2000 bis 2020 wurde er nur sporadisch beobachtet, vor allem in Santa Maria in Calanca. Auch die wenigen historischen Nachweise stammen aus dem Calancatal und von einzelnen Orten zwischen Roveredo und Grono.

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Ein 2020 in Santa Maria gestartetes Projekt bildete den Ausgangspunkt für ein vom Naturpark Val Calanca initiiertes Forschungsprogramm, das schrittweise auf das ganze Moesano ausgeweitet wurde und dessen Massnahmen Teil der Umsetzung der Biodiversitätsstrategie Graubünden (BDS GR) 2023–2032 sind (terraviva.gr.ch). So liessen sich Verbreitung und neue Vorkommen genauer erfassen. Das Programm untersucht Verbreitung und Häufigkeit, beschreibt die besiedelten Lebensräume, beurteilt ökologische Verbindungen zwischen den Vorkommen und definiert Schutzmassnahmen. Die Daten zeigen zudem, wie Landschaftsveränderungen diese Bioindikatorart offener, strukturreicher Wälder beeinflussen.

 

Ein Exemplar des Gelbringfalters (Lopinga achine). Foto: Isabella Forini-Giacalone.
Ein Exemplar des Gelbringfalters (Lopinga achine). Foto: Isabella Forini-Giacalone.

 

Warum die Forschung auf den Gelbringfalter konzentrieren?

In der Schweiz ist der Gelbringfalter als «stark gefährdet» (EN) eingestuft (Wermeille et al., 2012) und Gegenstand kantonaler Aktionspläne; in Europa gilt er gemäss IUCN-Roter Liste als «verletzlich» (VU) (www.iucn.org). Südlich der Alpen (www.infofauna.ch) kommt er im Mendrisiotto, Luganese, Locarnese, Bellinzonese, im unteren Blenio- und Leventinatal sowie im Calanca und Misox vor. Die Populationen sind gut verteilt, aber fragmentiert. Nördlich der Alpen bestehen Vorkommen im Jura, in der Zentralschweiz und im Genferseegebiet. Die Schweizer Populationen gelten als Reservoir von kontinentaler Bedeutung (SBC, 2005).

Die Untersuchung im Moesano erweitert die ökologischen Kenntnisse südlich der Alpen. Die wenigen Meldungen von 1925 bis 1979 erlauben keine genaue Rekonstruktion der früheren Verbreitung. Belegt ist jedoch ein seit den 1940er-Jahren anhaltender Rückgang in der Schweiz, verursacht durch intensivere Landwirtschaft, mehr Rebflächen und die Aufgabe der Niederwaldbewirtschaftung in wärmeliebenden Eichen- und Buchenwäldern (SBC, 2005). Wegen der kurzen Flugzeit ist die Art schwer nachzuweisen: Die Falter sind nur etwa einen Monat, von Mitte Juni bis Mitte Juli, sichtbar, deutlich kürzer als Arten mit längerer Flugzeit oder mehreren Generationen.

Südlich der Alpen scheinen die bekannten Vorkommen isoliert und klein; maximal wurden 20–30 Individuen gezählt (SBC, 2005; Oikos 2000, 2016). Da ihre Lebensräume oft land- oder forstwirtschaftlich genutzt werden, kann eine ungeeignete Bewirtschaftung die Habitatqualität rasch beeinträchtigen und lokale Vorkommen auslöschen.

Für wirksame Schutzmassnahmen mussten daher Populationen und Faktoren der Habitatqualität besser bekannt sein.

 

Von Santa Maria in Calanca zu einem Projekt für das ganze Moesano

Nach einer langen Phase vereinzelter Beobachtungen wurde die Art 2004 im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings Schweiz in Santa Maria in Calanca erneut nachgewiesen.

Nach lokalen Bestätigungen startete 2020 ein erstes spezifisches Projekt (Farina und Forini-Giacalone, 2022), um potenziell geeignete Gebiete von Santa Maria zu prüfen und Schutzmassnahmen zu bestimmen. Auftraggeber war das Amt für Natur und Umwelt Graubünden (ANU), beteiligt war auch das Amt für Wald und Naturgefahren (AWN).

Die Art wurde besonders bei Ravagn bestätigt, in einem lichten Wald aus jungen Haselsträuchern und alten Kastanienbäumen. Dies zeigte die Notwendigkeit, weitere ökologisch interessante Flächen im Calanca und Misox zu untersuchen.

Im Jahr 2022 wurde das bis heute laufende Projekt gestartet, das vom Naturpark Val Calanca in Auftrag gegeben und vom ANU finanziert wurde (Farina et al., 2025; Forini-Giacalone und Wastavino, 2025).

Seit 2023 begleiten botanische Erhebungen agroforstliche Aufwertungen in Dasga bei Santa Maria, wo eine stabile Population vorkommt. Sie dokumentieren die Vegetation nach der Waldauflichtung: Mehr Licht fördert die Krautschicht und mögliche Futterpflanzen der Gattungen Carex, Brachypodium und Molinia.

Mit Karten, historischen Luftbildern und Angaben zur Landschaftsstruktur wurden zudem potenzielle ökologische Korridore und die Vernetzung der Vorkommen beurteilt.

 

Kleine Lichtungen im Wald bieten der Raupe des Gelbringfalters einen idealen Lebensraum: Das Fähnchen markiert die Stelle, an der die Raupe gefunden wurde. Foto: Isabella Forini-Giacalone.
Kleine Lichtungen im Wald bieten der Raupe des Gelbringfalters einen idealen Lebensraum: Das Fähnchen markiert die Stelle, an der die Raupe gefunden wurde. Foto: Isabella Forini-Giacalone.

 

Monitoringmethode

Die Erhebungen fanden während der Flugzeit von Juni bis Juli statt. Berücksichtigt wurden die Witterung, die den Falterschlupf beeinflusst, und erste saisonale Meldungen aus anderen südalpinen Gebieten zwischen 600 und 1300 m ü. M.

Die Flächen wurden aufgrund früherer Daten, räumlicher Analysen und Gebietskenntnis ausgewählt. Da ein negativer Einzelbesuch die Abwesenheit nicht belegt, wurden mehrere Standorte über Jahre kontrolliert; teils gelang der Nachweis erst später.

 

Ergebnisse des Monitorings

Seit 2022 wurden 46 Standorte untersucht; an 19 wurde die Art beobachtet. Meist zählten die Populationen ein bis sieben Individuen. Nur in Santa Maria wurden im Übergang zwischen Mischwald und verbuschender Wiese innert rund zwei Stunden 20 Individuen gezählt.

Neben fast allen historischen Fundorten wurden überraschend zahlreiche neue Standorte entdeckt: in Santa Maria, in Buseno von den Wäldern beim Dorf bis zum Talboden und entlang der Waldstrasse zu den Monti von San Carlo.

Es liessen sich sieben Hauptgebiete abgrenzen: fünf im Calancatal, eines im unteren Misox und ein offenbar isolierteres bei Soazza im oberen Misox. Die Art bewegt sich meist in einem Radius von 100–150 m (Bergman and Landin, 2002); einzelne Tiere, z.B. Weibchen am Lebensende, können ausnahmsweise bis 1250 m zurücklegen (Bergman and Landin, 2002; Horváth et al., 2026).

Als Ausbreitungskorridore dienen die Fluss Calancasca mit ihren Ufern, kleine Bäche und Tälchen, Waldwege, Haselhecken an Trockenmauern, Waldränder, Lichtungen, Brandschutzschneisen und kleine Habitatflächen als Trittsteine. Einige Vorkommen im Calancatal und unteren Misox könnten so eine Metapopulation mit Individuenaustausch bilden.

 

Geeignete Lebensräume im Moesano

Geeignet ist ein Mosaik offener, verbundener Bereiche im Wald: lichte Wälder, sonnige Lichtungen, strukturreiche Waldränder, aufgegebene oder extensiv bewirtschaftete Kastanienselven und beweidete Birkenbestände.

Viele Standorte liegen auf Terrassen mit Haselhecken und einer an grasartigen Pflanzen reichen Krautschicht. Felsaufschlüsse, Hecken, Sträucher und Einzelbäume erhöhen die Strukturvielfalt; trockenes Laub, Zweige und strukturreiche Rinde bieten den Larven Schutz.

Auch Wasser scheint wichtig: Quellen, Sickerstellen und zeitweise wasserführende Bäche schaffen günstige Mikroklima. An 78% der untersuchten besiedelten Standorte war Wasser vorhanden. Bevorzugt werden demnach relativ warme, beschattete, nährstoffarme und lokal feuchte Lebensräume.

Fortschreitende Bewaldung verringert Licht, Krautschicht und Raupenfutterpflanzen. Zu offene, einheitliche oder intensiv genutzte Wiesen bieten dagegen weder Sitzwarten, Verstecke und Verbindungen noch den für die Eiablage nötigen Schatten. Entscheidend ist die Heterogenität.

 

Nächtliche Raupensuche und Bestimmung der Futterpflanzen

In der Schweiz unterscheiden sich die Raupenfutterpflanzen je nach biogeografischer Region. Für das Moesano und den übrigen Alpensüdhang fehlen bisher gezielte Untersuchungen. Während des Monitorings wurden deshalb die grasartigen Pflanzen an den Standorten erfasst, ausgehend von den in der Schweiz bekannten möglichen Futterpflanzen: Brachypodium sylvaticum, vermutlich auch B. pinnatum, Carex alba und Carex montana; im Tessin und wahrscheinlich auch im Moesano zudem Molinia arundinacea (SBC, 2005).

Im Mai 2026 wurde nachts nach Raupen gesucht. Zu dieser Zeit klettern sie zum Fressen an den Futterpflanzen empor, bevor sie sich verpuppen und ab Juni als Falter schlüpfen. In etwa vier Stunden wurden drei Standorte mit bestätigten Faltervorkommen besucht und drei Raupen gefunden. Die Beobachtungen weisen auf Brachypodium sylvaticum und Carex fritschii als wichtigste Kandidaten im Moesano hin. Auch Poa nemoralis und Molinia arundinacea könnten genutzt werden, doch sind weitere Abklärungen nötig.

 

Nach einer Stunde nächtlicher Suche wurde endlich die erste Raupe gefunden. Foto: Marta Wastavino.
Nach einer Stunde nächtlicher Suche wurde endlich die erste Raupe gefunden. Foto: Marta Wastavino.

 

Förderung des Gelbringfalters

Vorrangig sind besiedelte Standorte zu erhalten und durch geeignete Lebensräume und Ausbreitungskorridore besser zu vernetzen. In aktuell besiedelten Gebieten sind etwa alle 5–10 Jahre Auflichtungen nötig, um eine Verschlechterung durch die fortschreitende Waldschliessung zu verhindern.

Die Eingriffe müssen schrittweise und zeitlich gestaffelt erfolgen. Ein Teil der Fläche ist unverändert zu belassen, damit die Population weiterleben und sich fortpflanzen kann. Die Auflichtungen sollen ein Mosaik offener und beschatteter Flächen erhalten und grossflächige, abrupte Veränderungen vermeiden.

An prioritären Standorten sind die Raupenfutterpflanzen und ein Beschattungsgrad von 60–90 % zu fördern (Konvicka et al., 2008). Zu erhalten sind zudem locker stehende Sträucher in offenen Bereichen, tiefe Äste, Pflanzenmaterial am Boden, kleine Bäche und zeitweise feuchte Stellen. Zu vermeiden sind grossflächige Unterholzräumungen, intensive agroforstliche Nutzung sowie die systematische Fassung von Quellen und Sickerstellen.

Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ist auf Düngung zu verzichten; extensive Mahd und Beweidung mit Kleinvieh sind zu fördern. Gleichzeitig muss die Waldverjüngung vor Schäden an jungen Trieben und Stockausschlägen, etwa durch Ziegen, geschützt werden.

 

Zukunft des Projekts

Das Projekt wird mit weiteren Erhebungen zu Futterpflanzen und möglichen ökologischen Korridoren zwischen prioritären Standorten fortgesetzt. Parallel wird ein spezifischer Erhaltungsplan für den Kanton Graubünden erarbeitet, um ein für Europa bedeutendes Reservoir der Art zu sichern. Aufgrund der geografischen Lage des Moesano müssen auch die Verbindungen zu den Populationen im Tessin und in Italien berücksichtigt werden.

Erforderlich sind ein regelmässiges, langfristiges Monitoring der bekannten Populationen und potenziell geeigneten Standorte, damit Rückgänge oder lokales Erlöschen früh erkannt werden. Ebenso wichtig ist es, die zentralen Akteure, besonders aus Land- und Forstwirtschaft, einzubeziehen und für die ökologischen Ansprüche und den Schutz der Art zu sensibilisieren.

Über den kleinen, unauffälligen Bewohner unserer Waldlichtungen wissen wir noch relativ wenig. Innerhalb weniger Jahre konnten jedoch dank gemeinsamer Anstrengungen verschiedene Aspekte seiner Ökologie vertieft und konkrete Massnahmen im Moesano eingeleitet werden. Dieses Wissen muss nun in Entscheidungen umgesetzt werden, die Art und Lebensraum langfristig sichern. Sein Überleben hängt buchstäblich an einem Grashalm: Es beruht auf dem empfindlichen Gleichgewicht zwischen Vegetation, Licht, Feuchtigkeit und Landnutzung, für das wir unmittelbar Verantwortung tragen.

 

Birkenwälder bieten dem Gelbringfalter einen idealen Lebensraum mit einem ausgewogenen Verhältnis zwischen dem Vorkommen von Gräsern und der Baumbedeckung. Foto: Isabella Forini-Giacalone.
Birkenwälder bieten dem Gelbringfalter einen idealen Lebensraum mit einem ausgewogenen Verhältnis zwischen dem Vorkommen von Gräsern und der Baumbedeckung. Foto: Isabella Forini-Giacalone.

 

Literatur

Bergman, K.-O., Landin, J., 2002. Population structure and movements of a threatened butterfly (Lopinga achine) in a fragmented landscape in Sweden. Biological Conservation 108, 361–369. https://doi.org/10.1016/S0006-3207(02)00104-0

Farina, L., Forini-Giacalone, I., 2020. Rapporto sui rilievi 2020 della farfalla diurna Baccante Lopinga achine (Scopoli, 1763) a Santa Maria in Calanca (GR).

Farina, L., Forini-Giacalone, I., Wastavino, M., 2025. Monitoraggio 2025 della Baccante (Lopinga achine) in Calanca: completamento dei rilevamenti nelle stazioni a presenza incerta 2022–2024.

Farina, L., Forini-Giacalone, I., Wastavino, M., 2024. Rapporto conclusivo sul monitoraggio della Baccante (Lopinga achine) in Valle Mesolcina e Calanca (anni 2022-2024) e pianificazione degli interventi a favore della specie.

Farina, L., Forini-Giacalone, I., Wastavino, M., 2023. Rapporto sul monitoraggio della Baccante (Lopinga achine) in Valle Mesolcina e Calanca anno 2023.

Farina, L., Forini-Giacalone, I., Wastavino, M., 2022. Rapporto sul monitoraggio della Baccante (Lopinga achine) in Valle Mesolcina e Calanca anno 2022.

Forini-Giacalone, I., Wastavino, M., 2025. Baccante (Lopinga achine) nel Moesano (GR): analisi dei potenziali corridoi e della connettività ecologica territoriale.

Horváth, B., Scherer, Z., Bedenek, T., Szentirmai, I., Kőrösi, Á., 2026. Demographic insights into Lopinga achine populations in alluvial forests: implications for conservation in non-grazed woodlands. J Insect Conserv 30, 30. https://doi.org/10.1007/s10841-026-00766-z

Konvicka, M., Novak, J., Benes, J., Fric, Z., Bradley, J., Keil, P., Hrcek, J., Chobot, K., Marhoul, P., 2008. The last population of the Woodland Brown butterfly (Lopinga achine) in the Czech Republic: habitat use, demography and site management. J Insect Conserv 12, 549–560. https://doi.org/10.1007/s10841-007-9087-4

Wermeille, E., Chittaro, Y., Gonseth, Y., 2012. Lista Rossa Farfalle diurne e Zigene Pratica ambientale n. 1403, 97 pagg.

Oikos 2000 – Consulenza e ingegneria ambientale SAGL, 2026. Monitoraggio del lepidottero diurno Baccante (Lopinga achine) sui Monti di Medeglia. Stato dei rilevamenti 2013-2016. Ufficio natura e paesaggio, 7 pagg.

SBC (Swiss Butterfly Conservation): Carron G., Wermeille E., Dusej G. & Patocchi N., 2005. Programma nazionale di conservazione delle specie prioritarie di farfalle diurne (Rhopalocera e Hesperiidae) 2000-2005. Piani d’azione Cantone Ticino. Conservazione delle farfalle diurne in Svizzera, 90 pagg.

 

Kontakt

Marta Wastavino
Trifolium SA
EMail: marta.wastavino@trifolium.info

Isabella Forini-Giacalone
EMail: isa.forini@gmail.com