Das Forum Landschaft stellt sich vor: Landschaft ist das Ganze

Das Forum Landschaft wurde am 13. Januar 2006 von Landschaftsfachleuten verschiedenster Herkunft in Bern gegründet mit dem Ziel, als interdisziplinäre Plattform den Diskurs zwischen Forschung und Praxis zu fördern und das Thema Landschaft in eine breite Öffentlichkeit zu tragen. Einig war man sich insbesondere darüber, dass die

Landschaft als unser Lebensraum und Ort der Identifikation einen grundsätzlich neuen Stellenwert erhalten muss. Ein Paradigmenwechsel war nötig, indem Landschaft nicht mehr länger als Nebenprodukt wahrgenommen wird, sondern als bewusst gestaltetes öffentliches Gut. Dazu ist eine Abkehr von sektoralem Denken und Handeln, vom Vorrang der Eigentümer- und Partikularinteressen nötig, die zu einem Verlust an Landschaftsqualität führen.

Denn die Landschaft steht unter Druck. Verantwortlich dafür sind ein weiterhin praktisch ungebremster Siedlungsdruck mit steigendem Wohnflächenbedarf, aber auch zunehmender Verkehr und entsprechend zunehmende Verkehrs- und Infrastrukturflächen. Oft geht mit der Veränderung der Landschaft der Verlust an Biodiversität einher; über die Hälfte aller Farn- und Blütenpflanzen im schweizerischen Mittelland sind heute bedroht oder ausgestorben, bei den Schmetterlingen und Heuschrecken sind es zwei Drittel. Seit 20 Jahren gibt es hier keinen Quadratkilometer Landschaft mehr mit absoluter Dunkelheit während der Nacht. Nötig sind deshalb Strategien, Handlungsfelder, Modelle und Methoden, wie die Qualität und Funktionsfähigkeit der Landschaft gesichert und weiterentwickelt werden kann.

Landschaft ist ein vielschichtiger Begriff, der von den verschiedenen Akteuren je nach Interesse und subjektiver Wahrnehmung unterschiedlich verwendet wird. An die Landschaft werden verschiedenste Ansprüche gestellt, die sich räumlich überlagern und oft auch konkurrenzieren: Landschaft ist Arbeits- und Lebensraum sowie Basis für die Nahrungsmittelproduktion für die Bauern, sie ist Erholungsraum für die Bevölkerung, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Raum für Ressourcen wie Wasser, Kies, Lehm, Holz, kulturgeschichtlicher Raum und Raum für Infrastrukturanlagen, und Landschaft ist als Identifikationsraum auch Teil der Heimat.

Infrastrukturlandschaft: Autobahnviadukt der A1 bei Wileroltigen BE (Foto: Barbara Marty).
Infrastrukturlandschaft: Autobahnviadukt der A1 bei Wileroltigen BE (Foto: Barbara Marty).

Doch was Landschaft bedeutet, ist offenbar auch 15 Jahre nach der Europäischen Landschaftskonvention AS 2013 1379) nicht selbstverständlich. Das Übereinkommen wurde am 20. Oktober 2000 in Florenz abgeschlossen und definiert Landschaft wie folgt: «Landschaft ist ein Gebiet, wie es vom Menschen wahrgenommen wird und dessen Charakter das Ergebnis der Wirkung und Wechselwirkung von natürlichen und/oder menschlichen Faktoren ist.»

Die Europäische Landschaftskonvention basiert auf einem ganzheitlichen Landschaftsverständnis und umfasst wesentlich mehr als die Summe der einzelnen ökologischen und kulturellen Werte – wir nehmen Landschaft mit allen Sinnen wahr, Landschaft ist das Ganze.

Die Bundesversammlung hat das Übereinkommen am 28. September 2012 genehmigt. Es gilt «für das gesamte Hoheitsgebiet der Vertragsparteien und erstreckt sich auf natürliche, ländliche, städtische und verstädterte Gebiete. Es schliesst Landflächen, Binnengewässer und Meeresgebiete ein. Es betrifft Landschaften, die als aussergewöhnlich betrachtet werden können, ebenso wie als alltäglich zu bezeichnende oder beeinträchtigte Landschaften (Art 2 Geltungsbereich )Die Vertragsparteien verpflichten sich, «Landschaften als wesentlichen Bestandteil des Lebensraums der Menschen, als Ausdruck der Vielfalt ihres gemeinsamen Kultur- und Naturerbes und als Grundlage ihrer Identität rechtlich anzuerkennen und die Landschaft zum Bestandteil ihrer Raum- und Stadtplanungs-politik, ihrer Kultur-, Umwelt-, Landwirtschafts-, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie anderer Politiken zu machen, die sich unmittelbar oder mittelbar auf die Landschaft auswirken können (Art 5 Allgemeine Massnahmen)

Landschaft der Gegensätze: BLN-Gebiet 1401 mit Starkstromleitung (Foto: Barbara Marty).
Landschaft der Gegensätze: BLN-Gebiet 1401 mit Starkstromleitung (Foto: Barbara Marty).

Nun – wir reden zwar von Stadtlandschaften, von Gebirgslandschaften, von Flusslandschaft, von Siedlungslandschaft – aber allzu oft ist in den Köpfen «die Landschaft» noch immer das Pendant zur  «Siedlung» – was die Raumplaner früher als «üG», als «übriges Gebiet» bezeichneten, das keinen Preis hatte und dessen Wert noch nicht erkannt wurde. Ich erinnere mich, wie entsetzt die Mitglieder des Zürcher Kantonsrates reagierten, als im Rahmen der Richtplanrevision im Gebiet des oberen Zürichsees ein – noch dazu kantonsgrenzenüberschreitendes – Landschaftsschutzgebiet festgelegt werden sollte. Das ist ja See, nicht Landschaft! war der Tenor – das Landschaftsschutzgebiet fand keine Gnade.

Dabei ist eine möglichst intakte Landschaft nicht nur von ökologischer Bedeutung, sondern wird auch für Gesellschaft und Wirtschaft zu einem immer wichtigeren Standortfaktor, und zwar nicht nur in den klassischen Tourismusregionen, sondern zunehmend auch in den Zentren und Agglomerationen. Die Wirtschaft hat das gemerkt – in einer Untersuchung stellt die Zürcher Kantonalbank fest, dass die Lebensqualität in Bezug auf die Standortattraktivität an vierter Stelle kommt, weit vor der Steuerbelastung – die Politik hat den Tatbeweis dafür noch anzutreten. Um diese «weichen» Faktoren auch auf lange Sicht gewährleisten zu können, müssen die verschiedenen Nutzungsansprüche an die Landschaft sorgfältig und umfassend aufeinander abgestimmt werden mit dem Ziel, die Qualität der Landschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Kleinräumig-traditionelle Agrarlandschaft (Foto: Barbara Marty).
Kleinräumig-traditionelle Agrarlandschaft (Foto: Barbara Marty).

Eine der Aufgaben des Forum Landschaft ist deshalb getreu der Landschaftskonvention die Verpflichtung, «das Bewusstsein für den Wert von Landschaften, für ihre Rolle und für die Veränderungen, denen sie unterworfen sind, in der Gesellschaft, bei privaten Organisationen und bei Behörden zu schärfen (Art 6 Spezifische Massnahmen)». Das ist zumindest in der Bevölkerung gelungen: Eine Landschaftsinitiative ist heute mehrheitsfähig, im Kanton Zürich wurde die Kulturlandinitiative angenommen, und auch die Zweitwohnungsinitiative fand nicht in der Politik, aber doch in der Bevölkerung eine Mehrheit. Das Volk hat den Kern der Landschaftskonvention begriffen, die Politik hinkt manchmal noch etwas hinterher.xMit Landschaft beschäftigen sich verschiedenste Akteure – die Bauern, welche die Landschaft prägen, die Raumplaner, die Landschaft planen, die Landschaftsarchitektinnen und –architekten, die Landschaft verändern, die Hochschulen, die Landschaft erforschen, die Wanderer, die Landschaft geniessen und sich darin erholen.

Siedlungslandschaft: Köniz BE, Wakkerpreis 2012 (Foto: Barbara Marty).
Siedlungslandschaft: Köniz BE, Wakkerpreis 2012 (Foto: Barbara Marty).

Aber auch Kiesunternehmen, die Landschaft grossräumig verändern oder Ingenieure und Strassenbauer, die Infrastruktur in die Landschaft stellen sowie Architektinnen und Architekten, die mit Gebäuden dasselbe tun, prägen und beeinflussen die Landschaft. Auch kommunale und kantonale Behörden, die Richtpläne genehmigen, setzen sich mit Landschaft auseinander, ebenso wie Naturschützer, die seltene und einzigartige Landschaften bewahren wollen. Jeder diese Akteure hat seine eigene Landschaftswahrnehmung und spricht oft noch seine eigene Sprache: Das ist die zweite Aufgabe des Forum Landschaft, die verschiedenen Interessensvertreter an einen Tisch zu bringen und eine interdisziplinäre Vernetzungsplattform für Praxis und Forschung zu bieten. Das tun wir mit öffentlichen Veranstaltungen zu aktuellen Landschaftsthemen, aber auch in Form von Berichten und unserem regelmässigen Infoletter, und wir beteiligen uns an nationalen Vernehmlassungen zu landschaftsrelevanten Themen.

Bauboom im Zürcher Oberland: "Landschaft der Bauvisiere" (Foto: Barbara Marty).
Bauboom im Zürcher Oberland: “Landschaft der Bauvisiere” (Foto: Barbara Marty).

Höhepunkt des Jahres ist jeweils die rege besuchte Jahrestagung, 2015 unter dem Titel «Dichte und Wahrheit – Landschaft und Freiraum als Chance für die Innenentwicklung», an der auch internationale Referentinnen und Referenten auftreten und die Keynotes des Vormittags in den Nachmittagssessions vertieft diskutiert werden. Gleichzeitig ist dieser Tag jeweils eine willkommene Gelegenheit für gegenseitigen Austausch und Networking, und er bietet mit dem beliebten Speakers Corner den Mitgliedern des Forum Landschaft die Möglichkeit, sich und ihre Projekte in einem Kürzestflash dem interessierten Publikum zu präsentieren.
Angesichts der rasanten Veränderungen und des grossen Drucks, unter dem die Landschaft steht, braucht es das Forum Landschaft und seine Vernetzungsfunktion mehr denn je!

Barbara Marty, Geschäftsführerin

Forum Landschaft
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